DomizilTaverneChatForumKunsthalleBibliothek
Eingang
Pseudonym:
Passwort:
Registrierungsanfrage
Entwicklung zum modernen Vampir
zugänglich für Besucher
verfasst von Jeanette
veröffentlicht am 2. Dezember 2014

Die allgemeinen Vorstellungen von den Eigenschaften eines Vampirs machten einige erstaunliche Veränderungen durch, nachdem die ersten belletristischen Werke entstanden. Im Gegensatz zum Vampirmythos, den wir vollkommen unabhängig von der Vampyrgesellschaft betrachten müssen, ist es jedoch beim modernen Vampir möglich einige Berührungspunkte mit Vampyren zu erahnen.



Das älteste noch erhaltene Werk, das sich nicht mehr im mythologischen oder wissenschaftlichen Sinne mit dem Vampir befasst, ist das 1748 veröffentlichte Gedicht „Der Vampir“ von Heinrich Ossenfelder, das zusätzlich zu einem Sachtext über Vampire in der Zeitschrift „Die Naturforscher“ veröffentlicht wurde. In diesem Werk thematisiert er erotische Fantasien und verbotene Gelüste in metaphorischer Form als Vampirismus. Bereits im Volksglauben wird dem Vampir ein ausgeprägter Sexualtrieb nachgesagt, da Gasblähungen im Genitalbereich bei einem männlichen Verstorbenen zu einer Vergrößerung des Glieds führen können.

Der Vampir war jedoch speziell in diesem Werk zum ersten Mal der charismatische Verführer eines unschuldigen Mädchens. Er entwickelte sich dadurch zu einer Gestalt die weit aus menschenähnlicher war, als das abstoßende Monster in den Mythen.



In den folgenden Jahrzehnten verwendeten auch einige andere Dichter vampirähnlichen Figuren in ihren Werken, wie zum Beispiel Gottfried Bürger 1773 in „Lenore“ und Johann Wolfgang von Goethe 1797 in „Die Braut von Korinth“. Es handelte sich jedoch häufig nur um geisterhafte Erscheinungen, die den heutigen Vorstellungen weniger entsprechen als die ältere Version von Ossenfelder.



Ein sehr bedeutendes Werk, das einen sehr starken Einfluss auf die Entwicklung zum modernen Vampir hatte, ist die 1816 veröffentlichte Kurzgeschichte „Der Vampyr“ von John Polidori, die auch als erste Vampirgeschichte der Weltliteratur gilt. Sie ist aus einem freundschaftlichen Wettstreit um die beste Schauergeschichte entstanden, mit Lord Byron, Percy Shelley und Mary Shelley, die in diesem Zusammenhang auch den weltberühmten Roman „Frankenstein“ schrieb.

Lord Byron verfasste nur ein unvollendetes Fragment, von dem sich Polidori aber inspirieren ließ und eine eigene Kurzgeschichte über einen Vampir schrieb. Er gab dem Vampir allerdings die Charaktereigenschaften des sogenannten „Byronic Hero“, den normalerweise Byron in seinen Kurzgeschichten benutzt. Es handelt sich dabei um einen Archetypen von einem Antihelden der gesellschaftliche Konventionen, Regeln und Sitten in Frage stellt oder vollkommen ablehnt und meistens von einem dunklen Geheimnis umgeben ist. Er verfolgt eigene Ziele und strebt nach keiner höheren Moral, verhält sich gleichgültig gegenüber seinen Mitmenschen, ist aber gleichzeitig wegen seinem sozialen Stand oder anderen Bevorteilungen dem eigenen Umfeld überlegen. Er ist meistens von tiefen Leidenschaften beherrscht, die sich in starken Gefühlsausbrüchen aber auch künstlerischen Begabungen äußern. Damit prägten sowohl Byron, indem er das Konzept vom „Byronic Hero“ entworfen hat, als auch Polidori, der diese Eigenschaften auf den Vampir übertragen hat, das heutige Bild des aristokratischen, charismatischen und rebellischen Vampir, der sich unerkannt unter den Menschen bewegt. Diese Charakterisierung hat sich bis heute für Vampire gehalten und es können sich viele Vampyre damit identifizieren.



Ein weiteres wichtiges Werk ist die Kurzgenschichtenreihe „Varney der Vampir“ von James Rymer aus dem Jahr 1847. Sie hatte großen Einfluss auf alle nachfolgenden Werke über Vampire, ist aber zeitweise sehr verwirrend und widersprüchlich aufgebaut. Der Autor war sich zum Beispiel zeitweise nicht sicher, ob Varney ein echter Vampir ist oder nur ein Mensch, welcher sich wie ein Vampir verhält. Im Verlauf der Geschichte kamen dann immer mehr übersinnliche Eigenschaften hinzu, die ihn eindeutig zu einem Vampir machten, wie zum Beispiel übermenschliche Stärke, hypnotische Fähigkeiten und Fangzähne.

Das besondere an Varney ist, das sein Vampirismus nur hervortritt wenn seine Kräfte nachlassen und er sich wieder Nähren musst In den Phasen dazwischen ist er eine völlig normale Person, die menschliches Essen zu sich nehmen kann und von der Sonne nicht verletzt wird. Varney ist der erste Vampir, der seinen Zustand als Fluch betrachtet und im Konflikt mit seiner vampirischen Natur stand.



Ebenfalls einen sehr großen Einfluss auf das Bild des modernen Vampirs hatte die Novelle „Carmilla“ von Sheridan Le Fanu aus dem Jahr 1872. Die Vampirin schläft in einem Sarg und bevorzugt die Nacht, wird aber nicht vom Sonnenlicht verletzt. Sie kann durch geschlossene Fenster und Türen eindringen, aber es wird nicht aus der Erzählung deutlich, ob sie sich in Nebel verwandeln kann. Sie kann sich zwar in ein Tier verwandelt, doch handelt es sich noch um eine Katze und nicht wie in heutigen Vorstellungen um eine Fledermaus. Die Verwandlung in eine Katze ist noch stark mit dem mythologischen Vorstellungen verbunden, da der Sprung einer Katze über das Grab eines Verstorbenen diesen zum Vampir wandeln kann. Damit hat Carmilla schon alle Eigenschaften des modernen Vampirs, selbst wenn diese noch leicht abgewandelt sind.



Das bekannteste Werk mit dem größte Einfluss ist der Roman „Dracula“ von Bram Stoker aus dem Jahr 1897. Er ließ sich sehr stark von „Carmilla“ inspirieren und übernahm viele Eigenschaften der Vampirin und orientierte sich aber auch an den mythologischen Vorstellungen. Der Vampir in Stokers Roman schläft in einem Sarg, scheut Sonnenlicht und Knoblauch. Er kann sich in eine Fledermaus oder Nebel verwandeln und besitzt übermenschliche Stärke und hypnotische Fähigkeiten. Er war ein charismatischer Aristokrat, der sogar alle Charaktereigenschaften des „Byronic Hero“ aufweist.

Bram Stoker erntete zu Beginn starke Kritiken und erlebte den großen Erfolg seines Romans dann allerdings nicht mehr. Die unerlaubte Adaptierung im Film „Nosferatu“ von 1922 trug zusätzlich sehr viel zum Bekanntheitsgrad bei. Heutzutage zählt Graf Dracula zu den berühmtesten Vampiren und ist der Archetyp vom modernen Vampir.



Obwohl es sich sowohl beim mythologischen, als auch beim modernen Vampir, um fiktive Darstellungen handelt, verarbeiten die meisten Geschichten realen Begebenheiten und können das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit enthalten. In literarischen Werken, verarbeiten die Autoren gerne Charaktere aus ihrem eigenen Umfeld, die Verhaltensweisen und Eigenarten besitzen, welche gut zu der Persönlichkeit eines Vampirs passen. Es gibt allerdings keinen nachgewiesenen Einfluss von Vampyren auf fiktive Geschichten.




© Jeanette von Nexus Noctis, Dezember 2014
[entfernen]